Ein Jahr voller Tiefen und wenigen Höhen

Posted in Wochenrückblick
on 21. November 2017

Normalerweise weiß ich immer schon im Voraus, was ich ungefähr schreiben will. Diesmal kann ich noch gar nicht sagen, in welche Richtung sich der Beitrag entwickeln wird. Ich will Euch nur mal mitteilen, wie ich das letzte Jahr empfunden habe und wie es mir aktuell geht. Also schreibe ich einfach mal nur drauf los. Also nicht wundern, wenn es manchmal etwas konfus ist. Ich hoffe, ich kann alles irgendwie sinnvoll zusammen führen.

Auf den Tag genau ist es nun ein Jahr her, dass ich meine Krebs Diagnose bekommen habe. Es ist einfach unfassbar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Seit dem ist so unheimlich viel passiert und doch fühlt es sich fast nach Nichts an. Ganz schwer zu beschreiben. Einen Teil meiner Reise habe ich mit euch geteilt. Vieles aber auch nicht, da mir einfach nicht so danach war. Oft habe ich darüber nachgedacht, Euch noch mehr zu erzählen wie es bei mir gerade aussieht oder was für Behandlungen anstehen. Aber wenn ich ehrlich bin, war das alles meist gar nicht so spannend. Und ich hatte auch einfach keine Lust mich mehr als nötig mit meiner Krankheit zu befassen. Gerade zum Sommer hin mit den Bestrahlungen war ich einfach nur noch genervt von der ganzen Situation.

 

Ich war doch häufig ziemlich gereizt und einfach unzufrieden. Ständig nur allein zu Hause sitzen ist einfach nicht mein Ding.

Ende August habe ich meine Wiedereingliederung auf der Arbeit begonnen und bin nach 5 Wochen wieder Vollzeit eingestiegen. Zeitgleich habe ich mich auch im Fitnessstudio angemeldet und trainiere tatsächlich regelmäßig. Seit dem geht es mir auch wesentlich besser. Es ist zwar schon ab und an etwas stressig und man muss sich erst mal wieder mit dem neuen alten Alltag eingrooven. Dennoch ist es einfach ein gutes Gefühl wieder eine Aufgabe zu haben und etwas zu tun zu haben. Ich begreife nicht, wie Leute einfach den ganzen Tag nur zu Hause hängen können. Ich würde da zwangsläufig in Depressionen enden. Selbst auf meinen Blog hatte ich zwischenzeitlich keine Lust mehr.

Es hat sich irgendwie so viel verändert, aber irgendwie auch gar nichts. Mir fällt das sehr schwer zu beschreiben, wie sich mein Leben so anfühlt. Es schwankt alles zwischen “Alles ist wie früher” und ” Es ist einfach alles anders”. Ich bin irgendwie in so einem Zwischending, was ich kaum beschreiben kann. Ich habe wirklich viele Tage, wo ich fast vollkommen vergesse, dass ich eigentlich krank bin. Gerade auf der der Arbeit fühlt es sich manchmal so an, als wäre ich nie weg gewesen. Es läuft einfach alles weiter und man hat zum Glück auch nicht viel Zeit, sich über das ganze letzte Jahr Gedanken zu machen.

Aber dann kommen die Tage, an denen ich mich selbst einfach gar nicht leiden kann. Durch die Antihormontherapie habe ich einige Kilos zugelegt, die sich auch hartnäckig halten. Ich hab einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden, das zu ändern. Dazu kommt, dass ich meine Haare momentan einfach nur hasse. Klar ist es toll, dass wieder Haare da sind, aber die machen was die wollen. Es nervt mich tierisch. Gefühlt verformt sich die operierte Brust auch immer mehr und ich könnte einfach oft nur heulen, wenn ich in den Spiegel gucke. Ich sehe manchmal einfach einen fremden Menschen im Spiegel. Ich fühle mich oft eigentlich total gesund, aber im Spiegel sehe ich, dass ich es nicht bin. Da muss ich mir immer wieder bewusst sagen, dass es ja so alles nicht bleibt. Die Haare wachsen fleißig und die Brust wird auch noch wieder schön gemacht. Es dauert einfach und ich muss geduldig bleiben. Ich denke aber Ihr versteht, dass es einfach Tage gibt an denen es einem leichter fällt und an anderen nun einmal nicht. Manchmal erwische ich mich aber auch dabei, dass ich die ganze Situation zu sehr verharmlose. Da muss ich echt aufpassen, den harmlos ist das alles natürlich nicht gewesen. Mein Risiko für einen erneuten Ausbruch ist da und lässt sich auch nicht ändern.

Immerhin hat sich meine Einstellung zu vielen Dingen aber auch positiv verändert. Ich weiß schöne Erlebnisse noch viel mehr zu schätzen und rege ich mich viel seltener über belanglose Dinge auf. Der Urlaub auf Sardinien hat mir so viel gegeben. Ich bin sicher, dass jede Reha dagegen einfach nur Mist gewesen wäre für mich. Manch anderen wird es helfen, aber ich bin sicher, dass ich da falsch gewesen wäre.

Mich interessieren viele Dinge, gar nicht mehr so sehr, wenn die mich nicht selbst betreffen. Klingt vielleicht egoistisch, aber ich beziehe mich da eher auf Dinge, die einen auch gar nichts angehen. Wo man früher so seine Nase rein gesteckt hat ist eigentlich unglaublich. Leben und leben lassen trifft es wohl ganz gut.

Natürlich rege ich mich trotzdem manchmal auf. Wenn zum Beispiel beim Poledance mal was nicht so klappt, wie ich das will werde ich immer etwas grantig. Ich brauche dann n paar Minuten um mir nochmal bewusst zu machen, wie unwichtig das eigentlich ist. Dann kann ich mich auch tatsächlich schnell wieder abregen. Früher habe ich mich wesentlich öfter und länger über total unwichtigen Kram aufgeregt. Das eigentlich unfassbar wie viel Energie man verschwendet für unwichtiges Zeug, dass man manchmal auch gar nicht ändern kann. Ich bin froh, dass ich mir das mittlerweile so bewusst machen kann. In dem Bezug hatte die ganze Krankheit einen wirklich positiven Effekt.

Ich möchte gerne daran glauben, dass ich nie mehr diesen Mist Krebs bekämpfen muss. Tatsache ist aber, dass bei dem Kontrolltermin nächste Woche wieder was Neues da sein kann. Gefühlt höre ich täglich, dass irgendwer wieder Metastasen hat oder einen neuen Tumor. Passt natürlich gar nicht in meine Traumvorstellung, dass man das einmal bekommt und dann ist auch gut. Ich weiß natürlich, dass es nicht bei allen gut ausgeht. Das habe ich ja leider bei meiner Mutter selbst erlebt. Aber ich will einfach nicht nochmal durch diesen Mist durch. Das darf einfach nicht passieren!

Wie am Anfang schon erwähnt, weiß ich nicht wo dieser Beitrag eigentlich hin führen soll. Ich habe Euch jetzt ganz viel erzählt und doch irgendwie Nichts.

Fakt ist, mir geht es körperlich überraschend gut. Die Behandlung hat nicht viele Spuren hinterlassen und auch die Antihormontherapie vertrage ich recht gut. Ich denke, dass mir der regelmäßige Sport sehr gut hilft bei den Nebenwirkungen.

Seelisch geht es mir auch meistens echt gut. Ich habe einen wunderbaren Freund, der mich sehr unterstützt und der meine Launen (noch) gut erträgt. Ich unternehme viel mit Freunden und versuche mein Leben zu genießen. Jeder hat mal gute und schlechte Phasen. Das ist vollkommen normal und deshalb versuche ich, mir darüber auch nicht allzu viel Sorgen zu machen. Ich hoffe es bleibt alles gut beziehungsweise wird noch besser. So schlimme Neuigkeiten, wie im letzten Jahr möchte ich keinem mehr überbringen.

Ich möchte mich nochmal ganz herzlich für die unglaublich große Anteilnahme bedanken. Es ist unfassbar, wie viele Menschen sich immer wieder bei mir gemeldet haben und mich auf dieser blöden Reise begleitet haben. Im letzten Jahr habe ich wirklich gemerkt, dass die Social Media Welt nicht nur oberflächlich und egoistisch ist. Viele glauben dass, aber für mich kann ich das einfach nicht bestätigen. Mir haben so viele liebe Menschen immer wieder geschrieben, die ich nur durchs bloggen kenne. Immer wieder haben die Leute an mich gedacht und das ist unglaublich schön.

Danke!!!!!

10 Comments

  • Sandri

    Es freut mich so sehr, dass es dir besser zu gehen scheint. Man weiß gar nicht, was man dazu alles sagen soll, das ist so unvorstellbar und doch so real. Ich wünsche dir auf jeden Fall nur das ALLERBESTE und hoffe, dass du diesen scheiß Krebs los bist.

    Alles Liebe für dich!

    7. Dezember 2017 at 11:49 Reply
    • Julia

      Danke dir Süße!!!

      12. Dezember 2017 at 09:27 Reply
  • Saskia

    Dein Artikel damals hat mir wirklich die Sprache verschlagen. So eine Diagnose ist kein Kindergeburtstag und man wünscht es niemanden. Ich bewundere dich wie gut du mit allem umgegangen bist und dich zurück gekämpft hast. So eine Krankheit hinterlässt natürlich spuren, aber die Lebensfreude, die du ausstrahlst, macht sicher auch anderen Betroffenen Mut. Mut, dass das Leber weiter geht und es sich lohnt sich zurück zu kämpfen. Hier im Urlaub ist mein Fön kaputt gegangen und meine Haare liegen nicht so wie ich es mag. Wie egal es ist, wird mir durch dich doppelt und dreifach bewusst. Auch durch meine Mutter, denn ich darf das alles erleben. Und dabei ist es egal wie meine Haare gerade aussehen – wobei ich gleichzeitig auch weiß, dass man sich ruhig mal darüber ärgern darf 🙂
    Und wünsche dir von ganzem Herzen ganz viele Höhen, die garantiert wieder kommen werden. Die Haare werden mit der Zeit sicher wieder so sein, dass du zufrieden bist und auch alles anderen. Geduld ist auch nicht meine Stärke. Kann dich vollkommen verstehen. Und schön, dass dein Partner dich so unterstützt.

    22. November 2017 at 02:10 Reply
    • Julia

      Ich danke dir, dass du mich auch immer so schön begleitest! :-*
      Und ja bald ist alles wieder irgendwie normal. Da bin ich auch sicher.

      27. November 2017 at 18:03 Reply
  • Vroni

    Liebe Julia,
    Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es ist mit einer Krebsdiagnose zu leben. Ich bewundere dich für deinen Mut, deinen Umgang damit so offen zu teilen. Vielleicht hilft es dir etwas, wenn du weißt, dass ich mich über jeden Blogpost von dir freue und viel Spaß habe beim Lesen und Anschauen! Ich bin froh, dass du da bist, auch wenn ich dich nur virtuell kenne 😉
    Für deine Zukunft wünsche ich dir von Herzen alles Gute, weiter viel Kraft und Lebensmut und natürlich eine dicke Portion Glück und dass du krebsfrei bleibst. Ich drücke dir ganz fest die Daumen und freue mich über weitere Posts von dir,
    Liebe Grüße,
    Vroni

    21. November 2017 at 18:13 Reply
    • Julia

      Danke dir!
      Freut mich, dass ich dir Freude bereiten kann 🙂
      <3

      27. November 2017 at 18:04 Reply
  • Anne

    Wahnsinn, dass schon ein Jahr vergangen ist. Die Zeit rast, das ist echt unglaublich.
    Ich wünsche dir, dass bei dir die guten Tage überwiegen und natürlich und vor allem Gesundheit. Das ist das Wichtigste, der Rest findet sich immer irgendwie.
    Ich find es klasse, wie offen du mit der Krankheit umgehst, andere dadurch sensibilisierst und motivierst. Du bist auch einfach so unglaublich sympathisch.
    Ich wünsch dir nur das Allerbeste und vor allem, dass du den Krebs hinter dir lassen kannst.
    Liebste Grüße
    Anne

    21. November 2017 at 17:27 Reply
    • Julia

      Ja die Zeit rennt wirklich!
      Danke für deine lieben Worte :-*

      27. November 2017 at 18:05 Reply
  • Talasia

    Echt unglaublich wie die Zeit vergeht…mir kommt es auch viel kürzer vor. Auch wenn ich natürlich so eine Situation gar nicht hatte, kann ich mir schon gut vorstellen, wie leicht man da von einen Hoch in ein Tief bei den Stimmungen geraten kann. Manchmal lenkt vieles einen so schön ab, dann aber mal wieder doch nicht und man macht sich wieder über die ganz blöden Dinge Gedanken. Und auch zu deinem Abschluss zum Social Media kann ich das so irgendwie auch aus meiner Sicht bestätigen. Ich kenne dich ja nun auch nun nur von online (vielleicht können wir das ja aber mal ändern, wenn du mal wieder in Elmshorn bist, falls du magst und falls es zeitlich passt?) und ich habe trotzdem eben so viele Gedanken in dieser Zeit für dich gehabt, für dich gehofft und wegen deiner Geschichte auch einige Tränen vergossen (gnaaa beim Schreiben davon drängen sich wieder ein paar ins Auge ^^”), da merkt man eben auch wie einem eine Person durch “nur” online eben ans Herz wachsen kann. Ich drücke einfach weiterhin die Daumen, dass dich dieser blöde Krebs für die Zukunft in Ruhe lässt ♥

    21. November 2017 at 14:47 Reply
    • Julia

      Ach du Süße!!!
      Du bist echt ein Mensch, der mir auch richtig ans Herz gewachsen ist.
      Wir müssen uns wirklich unbedingt mal treffen, wenn ich wiederim Norden bin.
      Wird mal Zeit!!
      <3

      27. November 2017 at 18:06 Reply

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